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Wenn Liebe zerstört: Warum es so schwer ist, eine gewaltvolle Beziehung zu verlassen – mit Sogol Kordi

Aktualisiert: 3. Feb.

Triggerwarnung: In diesem Beitrag geht es um häusliche Gewalt, sexualisierte Gewalt, Kontrolle und Drohungen. Bitte lies nur weiter, wenn du dich damit gerade sicher fühlst. Du darfst jederzeit pausieren oder abbrechen. Deine mentale Gesundheit geht vor.



Es gibt Geschichten, die verändern alles. Nicht, weil sie laut erzählt werden, sondern weil sie aus dem Überleben kommen. In dieser Folge von "einfach anfangen" spricht Sogol Kordi über eine Beziehung, die sie Stück für Stück zerstört hat – und darüber, warum Gehen oft viel schwerer ist, als es von außen aussieht.

„Warum bist du nicht einfach gegangen?“

Dieser Beitrag fasst die wichtigsten Erkenntnisse der Folge zusammen: für Betroffene, für Menschen im Umfeld – und für alle, die verstehen wollen, warum der Satz „Warum bist du nicht einfach gegangen?“ Gewalt verkennt.


Gewalt beginnt selten mit dem ersten Schlag


Viele stellen sich häusliche Gewalt als plötzliche Eskalation vor. Sogol beschreibt etwas anderes: einen schleichenden Prozess.


Am Anfang war alles „normal schön“ – Kennenlernen, Nähe, Vertrauen. Dann kam die erste Grenzüberschreitung. Bei ihr begann es mit einer Ohrfeige. Danach folgten Entschuldigungen, Versprechen, Lovebombing. Und während sie noch versuchte zu verstehen, was passiert war, verschob sich die Realität immer weiter.

Gewalt ist kein einzelner Moment. Gewalt wird zu einem System.Ein System aus Kontrolle, Angst und Abhängigkeit.


Warum viele Betroffene Gewalt erst spät erkennen


Sogol sagt, sie habe erst im dritten Jahr der Beziehung verstanden, dass sie von Gewalt betroffen ist. Davor glaubte sie, sie sei selbst schuld. Dieser Gedanke kommt nicht zufällig – er ist das Ergebnis von Manipulation.


Typische Muster:

  • Lovebombing am Anfang (extreme Nähe, Idealisierung)

  • Schuldumkehr („Du hast mich dazu gebracht“)

  • Abwertung und Kontrolle

  • Isolation vom Umfeld


Wer lange genug hört, dass er falsch ist, beginnt es zu glauben. Nicht aus Schwäche – sondern weil Menschen sich anpassen, um zu überleben.


Finanzielle Gewalt: Kontrolle, die wie Fürsorge aussieht


Ein besonders eindrücklicher Teil der Folge ist Sogols Erfahrung mit finanzieller Gewalt. Sie begann scheinbar harmlos: ein gemeinsames Konto, um Ausgaben zu teilen. Später ging ihr gesamtes Gehalt auf dieses Konto – mit der Begründung, sie könne „nicht gut mit Geld umgehen“.


Was nach Unterstützung klang, wurde zu Abhängigkeit:Kein Zugriff mehr, keine Karte, keine Kontrolle über das eigene Leben. Finanzielle Gewalt ist oft der Schlüssel, der Betroffene festhält. Wer kein Geld hat, kann nicht einfach gehen, keine Wohnung suchen, keine Sicherheit aufbauen.


Isolation: Wenn dein Umfeld langsam verschwindet


Parallel wurde Sogol zunehmend isoliert. Erst subtil („Deine Freundin tut dir nicht gut“), später offen („Du gehst nicht raus“). In der Corona-Zeit verschärfte sich das: kein Studium vor Ort, kein Ausweichen, kein Schutzraum. Isolation ist kein Nebeneffekt von Gewalt – sie ist Teil des Systems. Denn ohne Umfeld gibt es weniger Rückhalt, weniger Spiegel, weniger Hilfe.


Scham und Schweigen: Warum Weggucken Gewalt stabilisiert


Sogol ging mit sichtbaren Verletzungen zur Arbeit. Sie erfand Ausreden: gestürzt, gestoßen, „tollpatschig“. Irgendwann bekam sie sogar intern diesen Stempel.

Rückblickend sagt sie: Hätte sie jemand ehrlich angesprochen – „Ich glaube dir nicht. Ich glaube, da stimmt etwas nicht.“ – hätte sie wahrscheinlich Hilfe angenommen.

Viele Menschen schauen weg, weil sie unsicher sind. Doch Schweigen schützt nicht die Betroffenen, sondern das System der Gewalt.


Trennung bedeutet nicht automatisch Sicherheit


Ein zentraler Punkt der Folge ist Nachtrennungsgewalt. Gewalt endet nicht immer mit dem Verlassen der Beziehung. Sogol erlebt bis heute Drohungen, Stalking und Einschüchterung.

Die Zeit nach der Trennung gilt als eine der gefährlichsten Phasen. Trotzdem entscheidet sich Sogol, sichtbar zu bleiben, darüber zu sprechen und Bilder zu zeigen – weil diese Realität nicht unsichtbar bleiben darf.


Wie Sogol es geschafft hat: Gehen ist ein Prozess


Sogols Ausstieg war kein spontaner Entschluss. Er war ein Plan.

Dazu gehörten:

  • Informationen sammeln, ohne digitale Spuren zu hinterlassen

  • der Wunsch, nicht telefonieren zu müssen (aus Scham und Angst)

  • ein Buddy-System: eine Person, die jederzeit erreichbar war und Recherche übernahm

  • ein konkreter Vorwand, um räumlich Abstand zu gewinnen

  • schließlich der Cut: Blockieren, Trennung, Schutzraum


Das zeigt: Gehen ist selten ein Schritt. Es sind viele kleine Schritte – bis einer groß genug ist.


myProtectify & „Maya“: Hilfe dort, wo viele hängen bleiben


Aus genau diesen Lücken im Hilfesystem entstand myProtectify, ein gemeinnütziges Startup, gegründet von Sogol Kordi. Herzstück ist der KI-Hilfe-Chat „Maya“.

Maya ist:

  • anonym

  • mehrsprachig

  • rund um die Uhr erreichbar

  • ohne Download nutzbar

  • mit Sicherheitsfunktionen (Sofort-Verlassen-Button, Verlauf-Überschreibung)


Maya unterstützt Betroffene besonders in der frühen Phase – wenn die Frage noch lautet:„Ist das schon Gewalt?“ Sie erklärt, hört zu, urteilt nicht und verweist – wenn Betroffene bereit sind – auf passende Beratungsstellen. Ziel ist nicht, menschliche Hilfe zu ersetzen, sondern eine sichere Brücke zu bauen.


Was du tun kannst, wenn dein Bauchgefühl Alarm schlägt


Sogols wichtigste Botschaften an Menschen im Umfeld:

  • Dein Gefühl lügt nicht. Wenn etwas nicht stimmt, schau hin.

  • Frag vorsichtig, aber frag. Ein „Ist wirklich alles okay bei dir?“ kann Türen öffnen.

  • Hol dir Unterstützung, wenn eine Situation gefährlich wirkt.

  • Hab Geduld. Betroffene brauchen oft mehrere Anläufe – und ein Umfeld ohne Schuldzuweisungen.


Wenn du betroffen bist


Du bist nicht schuld. Nichts rechtfertigt Gewalt – und du wirst da rauskommen.

Anonyme Hilfe (Deutschland, 24/7): Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: 08000 116 016

Zusätzlich: Unterstützung über myProtectify und den Hilfe-Chat „Maya“ (anonym & ohne Download).


Schlussgedanke


Diese Folge erinnert daran, dass Gewalt oft leise beginnt. Dass Scham Menschen zum Schweigen bringt. Und dass ein einziger ehrlicher Satz aus dem Umfeld ein Leben verändern kann.


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