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Raus aus dem Rollenbild, rein in dein Ich: Warum du mehr bist als deine Funktion



In dieser Folge von „einfach anfangen“ geht es nicht um deine Leistung. Nicht darum, wie gut du organisierst, funktionierst oder für andere da bist. Es geht nicht um dich als perfekte Mutter, als loyale Partnerin oder als verlässliche Unternehmerin. Es geht um dich als Mensch. Um dein eigenes Gefühl von Lebendigkeit, um Selbstwirksamkeit und um die Frage: Wann hast du dich das letzte Mal wirklich gespürt?


Ich kenne dieses Gefühl, dass „eigentlich alles gut“ ist – und trotzdem etwas fehlt. Vor rund 15 Jahren war ich angestellt, hatte meine Ausbildung abgeschlossen und stand vermeintlich am Anfang eines sicheren Lebenswegs. Festes Gehalt, geregelter Alltag, klare Strukturen. Doch statt Erleichterung war da Leere. Keine große Krise, kein Drama – sondern dieses stille Gefühl, dass ich zwar funktioniere, aber nicht lebe. Rückblickend weiß ich: Mir fehlte Selbstbestimmung. Mir fehlte das Gefühl, mein eigenes Leben aktiv zu gestalten.

Der Weg in die Selbstständigkeit war kein glamouröser Sprung, sondern ein Prozess. Gespräche, Spiegel, Zweifel, kleine Schritte. Ich habe gelernt, dass Selbstwirksamkeit nichts mit Egoismus zu tun hat, sondern mit Verantwortung für das eigene Innenleben. Und genau dieses Thema kam Jahre später wieder – als ich Mutter wurde.


Ich wollte immer Kinder. Und als sie da waren, war da Liebe, Glück, Dankbarkeit. Aber irgendwann wurde das Highlight meines Tages, dass mein Mann nach Hause kam – nicht nur aus Liebe, sondern weil dann „etwas passierte“. Weil ein Impuls von außen kam. Mir wurde klar: Ich war nur noch reagierend unterwegs. Ich gab, ich organisierte, ich hielt alles am Laufen. Aber ich gestaltete nichts mehr nur für mich. Dieses Gefühl kennen viele Frauen – nur wird es selten ausgesprochen, weil sofort das schlechte Gewissen anklopft.

Sobald du sagst: „Ich will mehr als nur funktionieren“, taucht ein innerer Konflikt auf. Darf ich das? Bin ich undankbar? Bin ich egoistisch? Und hier kommen wir zu einem entscheidenden Punkt dieser Folge: Rollenbilder.


Wir tragen so viele Erwartungen in uns, oft unbewusst. Die Mutter stellt sich hinten an. Die Partnerin hält alles zusammen. Die Unternehmerin ist stark. Die Frau ist attraktiv, aber bitte nicht zu fordernd. Ein Zitat aus der Folge bringt diese Absurdität auf den Punkt:


„Was muss die Frau alles sein? Sie muss topmodel-schlank, aber Kinder wollen. Nicht mit 20, nicht mit 40. Nicht 1, das ist egoistisch, nicht 5, das ist assi. Karriere machen, aber nicht als Emanze. Und zu Hause muss sie außerdem Hure, Liebhaberin, beste Freundin, Mutter und alles auf einmal sein. Und den Stress darf man ihr niemals anmerken.“

Man lacht vielleicht – und spürt gleichzeitig, wie viel Wahrheit darin steckt. Dieser permanente Anspruch, alles gleichzeitig zu sein, erzeugt Druck. Und oft reagieren wir darauf, indem wir uns selbst nach hinten schieben.


Ich habe das selbst erlebt. Mein Business lief gut, die Kinder waren gesund, alles schien stabil. Und trotzdem merkte mein Mann irgendwann, dass zwischen uns Verbindung fehlte. Kein Vorwurf – nur eine Wahrnehmung. Und mein erster Impuls? Die Schuld bei mir suchen. Weil irgendwo in mir noch das alte Programm lief: Wenn etwas nicht stimmt, habe ich versagt.


Heute weiß ich: Das war ein Rollenbild, kein Fakt.

Der Weg raus beginnt nicht mit einem radikalen Schnitt, sondern mit Bewusstsein. Mit dem Training, alte Programme zu erkennen. Ich habe mir irgendwann erlaubt, Dinge wieder zu tun, die nur für mich sind. Eine Frage aus einem Netzwerktreffen hat mich wachgerüttelt: „Was ist deine liegengebliebene Leidenschaft?“

Meine Antwort kam sofort: Tanzen.


Ich habe früher getanzt. Ich habe es geliebt. Es war ein Teil meiner Identität. Und dann verschwand es unter Alltag, Verantwortung, Müdigkeit. Irgendwann dachte ich sogar: „Ich bin zu alt dafür.“ Aber ich habe es trotzdem gemacht. Ich bin in ein Studio gegangen, habe mich unwohl gefühlt, habe mich in die erste Reihe gestellt – und nach dem Kurs saß ich im Auto und hatte Tränen in den Augen. Vor Glück. Nicht, weil ich perfekt war, sondern weil ich mich wieder gespürt habe.


Das ist Selbstverwirklichung. Nicht ein neues Business. Nicht ein radikaler Umbruch. Sondern dieser Moment, in dem du wieder mit dir in Verbindung kommst.

Und hier ist das Entscheidende: Wenn du Dinge tust, die dich wirklich erfüllen, brauchst du weniger Ersatz. Weniger Scrollen. Weniger Dopamin-Kicks am Abend. Weniger Flucht aus dem Alltag. Nicht, weil Social Media das Problem ist, sondern weil Leere oft nach Betäubung sucht.


Selbstwirksamkeit bedeutet, aktiv zu gestalten statt nur zu reagieren. Sie bedeutet, dir selbst zu beweisen: Ich kann etwas verändern. Ich kann neu anfangen. Ich darf mich entwickeln.


Ein paar Impulse aus dieser Folge:

  • Wenn du dich leer fühlst, fehlt oft nicht mehr Leistung, sondern mehr Selbstbestimmung.

  • Rollenbilder wirken stark, aber sie sind veränderbar.

  • Deine liegengebliebene Leidenschaft ist oft der direkteste Weg zurück zu dir.

  • „Getan ist besser als gedacht“ – weil Handeln Klarheit bringt, Denken oft nur Zweifel.


Wir können unser Gehirn trainieren. Ich habe lange gebraucht, um echte Dankbarkeit zu fühlen. Am Anfang war es technisch: aufschreiben, wiederholen, bewusst wahrnehmen. Erst später kam das Gefühl. Veränderung beginnt oft rational – und wird dann emotional.

Du bist nicht zu spät. Du bist nicht zu egoistisch. Und du bist definitiv nicht „zu viel“. Du bist mehr als deine Funktion, mehr als deine To-Do-Liste, mehr als dein Rollenbild.

Vielleicht ist genau jetzt der Moment, dich wieder ernst zu nehmen. Nicht perfekt. Nicht durchgeplant. Sondern mutig genug, den ersten Schritt zu machen.

Denn am Ende beginnt alles mit einem einfachen Entschluss: einfach anfangen.

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