Klare Grenzen setzen – souverän mit toxischen Menschen umgehen mit Ryan Lott
- Eileen Liebig

- 6. Jan.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 13. Jan.
Fast jede Person kennt sie: Menschen, nach deren Kontakt ein ungutes Gefühl bleibt. Gespräche, nach denen man sich kleiner fühlt, angespannter oder schlicht schlechter. Ob Kolleg:innen, Vorgesetzte, Ex-Partner:innen oder Familienmitglieder – toxische Dynamiken sind kein Randphänomen, sondern Teil vieler beruflicher und privater Beziehungen.
In dieser Folge von „einfach anfangen“ sprechen Ryan Lott und ich darüber, wie solche Dynamiken entstehen, warum das schnelle Label „Arschloch“ zwar entlastend sein kann, aber oft zu kurz greift – und wie klare Grenzen gesetzt werden können, ohne selbst destruktiv zu werden.
Ryan Lott ist Gestalter für Neue Arbeit und Organisationsentwickler sowie Co-Founder von Enablit. Seit vielen Jahren begleitet er Teams und Führungskräfte dabei, Zusammenarbeit menschlicher, klarer und gesünder zu gestalten. Seine Perspektive verbindet persönliche Erfahrungen mit professioneller Organisations- und Beziehungsarbeit.
Warum das „Arschloch“-Label so verführerisch ist
Das Wort „Arschloch“ erfüllt eine Funktion: Es vereinfacht. Es fasst Grenzverletzung, Abwertung, Unhöflichkeit und respektloses Verhalten in einem Begriff zusammen. Vor allem in emotional belastenden Situationen kann dieses Label helfen, Distanz herzustellen und sich selbst zu schützen.
Ryan Lott ordnet das ein: Das Label entlastet kurzfristig, führt jedoch oft dazu, Verantwortung vollständig nach außen zu verlagern. Die andere Person wird zur Ursache allen Unwohlseins erklärt – und der eigene Handlungsspielraum schrumpft.
Seine zentrale These: Die wenigsten Menschen wollen sich wie ein Arschloch verhalten. Häufig liegen Druck, Überforderung, erlernte Muster oder ungelöste innere Konflikte zugrunde. Wichtig dabei ist die Differenzierung: Verstehen bedeutet nicht rechtfertigen. Aber Verstehen kann helfen, wieder Einfluss auf die eigene Situation zu gewinnen.
Kontext statt Etikett – ohne Verhalten zu entschuldigen
Ein eindrückliches Beispiel aus der Folge verdeutlicht diese Perspektive: Eine scheinbar rücksichtslose Situation in der Bahn – laute Kinder, ein passiver Vater – kippt vollständig, als der Kontext bekannt wird: Die Familie kommt aus dem Krankenhaus, die Mutter ist gerade verstorben. Das Urteil weicht Mitgefühl.
Dieses Beispiel ist bewusst drastisch gewählt, macht aber deutlich: Verhalten ohne Kontext zu bewerten, führt schnell zu vorschnellen Zuschreibungen. Gleichzeitig wird klar betont: Kontext erklärt Verhalten, entschuldigt es aber nicht automatisch.
Circle of Concern und Circle of Influence
Ein zentrales Konzept der Folge ist das Modell Circle of Concern / Circle of Influence.Viele Belastungen liegen im „Kreis der Sorgen“: das Verhalten anderer, systemische Zwänge, Ungerechtigkeiten. Dieser Kreis ist oft groß – aber nicht beeinflussbar.
Der entscheidende Perspektivwechsel liegt im „Kreis der Einflussnahme“. Dort befinden sich die eigenen Reaktionen, die Art der Kommunikation, gesetzte Grenzen und bewusste Entscheidungen. Souveränität entsteht genau an dieser Stelle: nicht durch Kontrolle anderer, sondern durch Klarheit im eigenen Handeln.
Reiz und Reaktion trennen: Die Macht der Pause
Toxische Situationen eskalieren häufig dort, wo Reiz und Reaktion unmittelbar aufeinandertreffen. Der Impuls, sofort zu kontern oder zurückzuschießen, ist menschlich – aber selten hilfreich.
Ein zentraler Praxistipp aus der Folge ist deshalb bewusst simpel: Pause machen. Atmen.Eine kurze Unterbrechung zwischen Reiz und Reaktion schafft Handlungsspielraum.
Besonders konkret wird das am Beispiel von E-Mails:
Eine emotionale Antwort zunächst ungefiltert schreiben (Dampf ablassen).
Den Empfänger entfernen.
Zeit verstreichen lassen.
Erst später sachlich reagieren – oder bewusst nicht reagieren.
Diese bewusste Verzögerung trennt Reiz und Reaktion vollständig und verhindert unnötige Eskalation.
Grenzen setzen – klar, ruhig und bedürfnisorientiert
Grenzen entstehen nicht durch Gedanken, sondern durch Kommunikation. Ein zentraler Punkt der Folge: Grenzen müssen ausgesprochen werden.
Dabei geht es nicht um Vorwürfe, sondern um eine bedürfnisorientierte Sprache, etwa:
„Ich brauche gerade Ruhe.“
„Dafür habe ich im Moment keine Kapazität.“
„Dieses Thema schaffe ich heute nicht.“
Diese Formulierungen bleiben bei der eigenen Wahrnehmung und vermeiden Beschämung des Gegenübers.
Für Situationen, in denen ein Rückzug nicht möglich ist – etwa im Auto, auf Familienfeiern oder im Arbeitskontext – empfiehlt Ryan Lott die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) als Werkzeug. Sie hilft, eigene Bedürfnisse klar zu benennen, ohne anzugreifen.
Spiegeln statt sabotieren
Ein besonders ehrlicher Moment der Folge ist Ryans Rückblick auf eine frühere berufliche Situation: Aus Frustration über eine Kollegin wich er Meetings aus und schloss sie bewusst aus E-Mails aus – ein klassisches Beispiel für Konfliktvermeidung, die in Sabotage kippt.
Der Wendepunkt kam durch Feedback einer Führungskraft und den Mut, das eigene Verhalten zu reflektieren. Ryan suchte das Gespräch, spiegelte konkret, welches Verhalten ihn belastete und welche Wirkung es hatte. Die Reaktion war überraschend: Die Kollegin wollte keinesfalls so wahrgenommen werden.
Das zentrale Learning: Viele Menschen wissen nicht, was ihr Verhalten auslöst. Spiegeln kann Muster sichtbar machen – und Beziehung auf Augenhöhe ermöglichen.
Wenn emotionale Reaktionen von der eigenen Seite kommen
Auch das eigene Fehlverhalten wird in der Folge nicht ausgeklammert. Eileen schildert eine Situation, in der eine emotional formulierte E-Mail an einen Dienstleister so stark wirkte, dass dieser die Zusammenarbeit beenden wollte. Erst mit zeitlichem Abstand wurde klar, wie sehr Stress und Überforderung den Ton beeinflusst hatten.
Entscheidend war die Reaktion danach: Verantwortung übernehmen, sich entschuldigen, den Kontext erklären – und aus dem Fehler lernen. Das Ergebnis: eine stabilere, ehrlichere Zusammenarbeit als zuvor.
Retro und Check-ins: Beziehungen aktiv pflegen
Ein weiteres zentrales Tool aus Ryans Arbeit ist die Retrospektive (Retro). Sie dient als strukturierter Rückblick, etwa nach Projekten oder Zeiträumen, und stellt Fragen wie:
Was lief gut?
Was lief nicht gut?
Was lernen wir daraus?
Was ändern wir konkret?
Der Vorteil: Zwischenmenschliche Themen bekommen einen neutralen Rahmen. Es geht weniger um Schuld, mehr um gemeinsames Lernen.
Dieses Prinzip lässt sich auch auf private Beziehungen übertragen – etwa in Form regelmäßiger Check-ins. Gerade in Familiensystemen, die Ryan als „Endgegner“ bezeichnet, kann frühes, regelmäßiges Einchecken verhindern, dass sich Konflikte bis zu Anlässen wie Weihnachten aufstauen.
Die wichtigsten Impulse aus der Folge
Zum Abschluss lassen sich die zentralen Learnings der Folge zusammenfassen:
Nicht jedes „Arschloch“ will ein Arschloch sein.
Kontext verstehen – ohne Verhalten zu entschuldigen.
Grenzen klar aussprechen, nicht nur denken.
Reiz und Reaktion trennen: atmen, pausieren, nicht sofort reagieren.
Verhalten spiegeln statt sabotieren.
Regelmäßige Retro-Formate oder Check-ins etablieren.
Eigene Trigger reflektieren: Was wird hier gerade berührt – und warum?
Toxische Menschen lassen sich nicht immer vermeiden. Der Umgang mit ihnen lässt sich jedoch gestalten – mit Klarheit, Selbstverantwortung und der Bereitschaft, Beziehung bewusst zu führen.




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