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Ehrlich pleite: Was Insolvenz wirklich bedeutet – und wie du in der Krise handlungsfähig bleibst mit Axel Kaiser

„Pleite“ ist so ein Wort, das viele denken – aber kaum jemand laut sagt. Es klingt nach Versagen, nach Ende, nach Scham. Genau deshalb ist dieses Gespräch so wichtig.



In dieser Folge von "einfach anfangen" spricht Axel Kaiser, Gründer von DENTTABS, offen darüber, warum er Insolvenz anmelden musste, was dabei wirklich passiert (auch emotional) – und warum Insolvenz nicht automatisch bedeutet, dass alles vorbei ist. Kein Drama, keine Heldenstory. Sondern Klarheit.


Corona, abflachende Welle und ein Team, das plötzlich „zu groß“ war


Nach dem Boom kam die Realität. Corona. Einkaufszentren zu. Aufmerksamkeit woanders. Menschen hatten andere Sorgen als Nachhaltigkeit oder neue Zahnpflege-Routinen.

Und gleichzeitig war das Unternehmen inzwischen gewachsen: rund 20 Mitarbeitende, zwei Geschäftsführer-Versuche, hohe Fixkosten – und ein Produkt, das stark von einer Trendwelle getragen worden war.

Das ist ein Punkt, den Axel sehr ehrlich ausspricht: Die „Hardcore-Fans“ für die Sache waren damals noch nicht in der Breite da. Wenn die Welle abebbt, wird es eng.

Und dann kommt der Klassiker, den viele unterschätzen:Geld ausgeben ist leichter als Geld kontrollieren.

Axel beschreibt, wie in den Boomzeiten viel angeschafft und aufgebaut wurde – und wie schnell sich ein voller Topf leert, wenn Umsätze sinken: von 3 Millionen auf 2,8 – dann 2 – dann 1.


„Ich kann bis heute keine Bilanz lesen“ – und warum das so teuer werden kann

Einer der ehrlichsten Sätze in dieser Folge ist auch einer der unbequemsten:

„Ich kann bis heute keine Bilanz lesen. Bei einer BWA tue ich mich schwer.“

Axel ist kein klassischer Zahlenmensch. Er brennt für die Vision: Zahnpasta „aus der Welt kriegen“, Menschen ein besseres Mundgefühl geben, Gewohnheiten verändern. Zahlen waren für ihn Mittel zum Zweck – aber nie der Fokus.

Das Problem: Ein Unternehmen verzeiht dieses Blinde-Flecken-Denken nur eine Weile. Irgendwann holen Fixkosten, Liquidität und Zahlungsfähigkeit jede Vision ein.

Und Axel sagt auch klar: Er hat versucht, Menschen zu finden, die das professionell übernehmen. Aber das hat nicht so funktioniert, wie er gehofft hatte.


Der Moment der Entscheidung: Insolvenz anmelden – bevor andere es tun


Dann kam der Punkt, an dem Axel entscheidet: Stopp.Nicht aus Drama, sondern aus Verantwortung.

Er beschreibt es pragmatisch: Entweder er geht selbst zum Amtsgericht – oder jemand anders macht es für ihn. Und das wäre „überhaupt blöd“.

Wichtig ist sein Blick auf den Begriff „Insolvenz“:

  • Ein Insolvenzantrag heißt nicht: bankrott.

  • Es ist eine Phase, in der noch Lösungen möglich sind.

  • Und: Schon der Antrag bringt Schutz (Schutzschirm/Absicherung gegen einzelne Gläubigeraktionen), während das Gericht prüft.

Diese Differenzierung ist Gold wert, weil viele bei „Insolvenz“ sofort nur das Ende sehen – und dadurch viel zu lange warten, bis sie handeln.


Krisenkommunikation, bevor es offiziell war – und die LinkedIn-Welle


Axel hat den Insolvenzantrag öffentlich gemacht – sogar bevor der gerichtliche Beschluss da war. Damit hat er sich Ärger eingehandelt (Steuerberater und Anwalt fanden’s nicht gut), aber gleichzeitig ist etwas passiert, womit niemand gerechnet hat: Eine Welle der Unterstützung.

Die Story verbreitete sich, Presse griff es auf, Menschen posteten, kommentierten, teilten. Ein Freund, Frank Schlieder, startete daraus eine LinkedIn-Challenge: Ziel war Umsatz im Onlineshop – nicht Spenden, sondern Kaufen. Und dann kam der Wahnsinn:

Im November machte der Onlineshop – der sonst eher ein „Stiefkind“ war – ca. 75.000 Euro Umsatz. Viele Bestellungen kamen von Menschen, die DENTTABS vorher nicht kannten – und direkt Jahrespakete bestellten.

Axel beschreibt, wie berührend das war: Demut, Fassungslosigkeit, dieses Gefühl von „Warum unterstützen mich so viele?“.

Und gleichzeitig bleibt es eine Realität: Diese Welle ist ein Momentum. Und Momentum muss in Reichweite übersetzt werden – sonst verpufft es.


Mentale Achterbahn: Entlastung – und dann wieder Existenzangst


Was viele unterschätzen: Selbst wenn der Schritt „rational richtig“ ist, bleibt es emotional brutal. Axel beschreibt Insolvenz als Achterbahn: Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt – manchmal in 30 Minuten. Gedanken wie „Was ist, wenn ich unter der Brücke lande?“ tauchen auf, auch wenn man eigentlich stabil wirkt.

Besonders hart ist ein Punkt, den er am Ende anspricht: Eine Anwältin erzählt ihm, dass die Suizidrate bei Menschen in Insolvenz deutlich erhöht ist. Axel sagt offen: Diese Gedanken kommen – und man kann sie nicht komplett verhindern. Aber man muss sie ernst nehmen, sich Unterstützung holen, nicht allein damit bleiben.


Die wichtigste Selbsterkenntnis ist nicht „Was kann ich?“ – sondern „Was kann ich nicht?“

Lerne, dir einzugestehen, was du nicht kannst. Und lerne, das auch zu sagen.

Axel sagt ganz klar: Er wird keine Bilanz mehr lesen lernen. Nicht, weil er „zu doof“ ist – sondern weil es ihn nicht interessiert und nicht seine Stärke ist. Der Schlüssel ist dann nicht Selbstverurteilung, sondern: Unterstützung organisieren. Menschen suchen, die ergänzen. Und vielleicht ist das die wichtigste Botschaft dieser Folge:

Du musst nicht perfekt sein. Du musst nur ehrlich genug sein, dir Hilfe zu holen – bevor du innerlich zumachst.


Fazit: Insolvenz ist nicht das Ende – aber Verstecken kann es sein


Diese Episode ist ein Mutmacher für alle, die gerade straucheln: finanziell, emotional oder unternehmerisch. Sie zeigt:

  • Wachstum kann dich überrollen, selbst wenn dein Produkt großartig ist.

  • Insolvenz ist nicht automatisch „bankrott“, sondern kann ein Rettungsraum sein.

  • Sichtbarkeit und Ehrlichkeit können Türen öffnen, die du im Stillen nie findest.

  • Und: Du bist nicht allein – auch wenn es sich in der Krise so anfühlt.

Wenn du gerade an einem Punkt bist, an dem du innerlich die Schublade zumachen willst: Mach sie auf. Hol dir jemanden dazu. Und erinnere dich an diesen Satz:

Irgendein Weg findet sich immer.


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